Lese- & Hörproben

2 meiner Kurzgeschichten kann man hier anhören

********************************************

Ein gutes Stückchen

Der Vater hat ganz still gelacht

man wusste nicht, was er gedacht

hat Mutter noch mal zart geküsst

„Schade, dass ihr gehen müsst!“

 

Als die Kinder an der Hand,

sprach Mutter an den Mann gewandt:

„Der Hund bleibt aber hier bei dir.

Geh dann mal mit ihm vor die Tür.“

 

Er wusst’, sie blieben länger aus

erst Arzt, dann Metzger, Großkaufhaus.

In Ruhe tat er alles sachte,

bis er schlussendlich herzlich lachte.

 

Nach Stunden kamen sie dann heim,

er hofft’, sie gingen auf den Leim.

Er schlug die Hand sich vor den Mund:

„Herrje, vergessen ganz den Hund!“

 

Die Jule zu dem Tier gekrabbelt,

fortwährend vor sich hingesabbelt.

Sie sah das große, braune Stück

und jauchzte auf vor lauter Glück.

 

Gleich war es in der kleinen Hand,

die Mutter schreiend hingerannt,

doch Jule Waldis Exkremente

sich in den Schlund schob, ganz behände.

 

Zu spät, welch eklig Ungemach.

Ein lautes Jammern „Ach, Kind, ach!“

Und Julchen, gierig wie ein Schwein,

schob weiter Stück für Stück hinein.

 

Sie sagte: „Das ist wirklich lecker.

Was soll nur wieder das Gemecker?“

Der Vater lachte jetzt ganz schrill

und klärte auf: „April, April!“

 

Er hatte vorher rasch und gut

gebacken jenen Schokohut

der aussah, wirklich ganz und gar

wie der Kot von Waldemar.

 

© Susanne O’Connell

Bild gezeichnet von Sean O’Connell

********************************************

Kurzgeschichte „Hokuspokus“

Hokuspokus

von Susanne O’Connell
„Ich mache mit!“ rief die junge Blondine neben mir und hob die Hand. Prosperino, der Zauberkünstler, nahm das Mikrofon in seine Rechte, schirmte mit der Linken seine Augen gegen das gleißend helle Scheinwerferlicht ab und ließ die Stimme durch den Saal dröhnen: „Nur herauf, unsere Jungfer scheint gefunden.“
Ich verspürte den plötzlichen Drang, die Frau am Arm zu packen und von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch meine Sitznachbarin hatte sich bereits erhoben und war auf dem Weg zur Bühne. Ich zwang mich zur Ruhe und blieb sitzen. Schließlich handelte es sich hier lediglich um die Vorführung eines Zaubertricks. Und die Dame war mir völlig fremd.
„Verehrtes Publikum“, begann Prosperino, als die Frau neben ihm stand, „ich zersäge nun, vor ihren Augen, diese wunderschöne Jungfrau!“ Er lächelte ihr verschwörerisch zu, nahm sie bei der Hand und meinte: „Sie sind doch eine Jungfrau, oder?“ Und als sie nicht gleich antwortete: „Ich muss Sie nämlich warnen: dieser Trick funktioniert nur bei einer richtigen Jungfrau.“ Ein Aufstöhnen ging durch die Menge.
„Ja, das bin ich.“ Erleichtertes Tuscheln allenthalben.
„Sehr schön, sehr schön. Anderenfalls könnte es demnächst zu kleineren Komplikationen bei Ihnen und Ihrem direkten Umfeld kommen.“  Er machte eine wegwischende Handbewegung, als sei das aber nun kein Thema mehr. „Dürfte ich noch Ihren werten Namen erfahren? Das wird die Zuschauer sicher interessieren.“
„Anika Teen“.
„Meine Damen und Herren“, Prosperino deutete auf die Freiwillige und machte eine kurze Pause, „Frau Anika Teen.“ Ringsum Applaus.
Zu ihr gewandt, sagte er: „Na, dann wollen wir mal. Wenn ich bitten darf.“ Er wies zu der Truhe, die neben ihm stand. „Ach ja, und bitte ziehen Sie noch die Schuhe aus.“ Frau Teen streifte die Hochhakigen ab und stieg äußerst grazil in den Kasten hinein. Kaum zu fassen, dass sie noch Jungfrau…
Meine Fingerkuppen begannen zu kribbeln, was nichts Gutes verhieß. Beim letzten Mal hatten kurz darauf Jugendliche in der U-Bahn einen älteren Herrn verprügelt. Ich war ihm damals zu Hilfe gekommen, und das Ganze hatte damit geendet, dass ich mit zahlreichen blauen Flecken und einer Oberschenkelfraktur im Krankenhaus gelegen hatte.
Ich massierte der Reihe nach meine Finger und versuchte, mich ausschließlich auf das magische Kunststück zu konzentrieren. Inzwischen lag Frau Teen in der Kiste, die mich an den Sarg meiner Tante erinnerte. Heraus schauten nur mehr Kopf und Füße, beziehungsweise die Fußattrappen. Jedermann wusste mittlerweile wohl, dass es nie die echten Füße waren, die das Publikum zu sehen bekam, sondern vielmehr so Gummizeugs.
„Klasse“, entfuhr es mir, als sich jetzt jedoch die Zehen bewegten. Welche Illusionen man heutzutage mit animierten Gegenständen erzeugen konnte, war erstaunlich.
Der Zauberer marschierte umständlich um die Apparatur herum und holte wie aus dem Nichts eine lange, altmodische Säge hervor. Er sägte, bis er puterrot im Gesicht anlief. „Puh, das ist doch zu anstrengend“, keuchte er. „Ich brauche besseres Werkzeug.“ Mit diesen Worten stolzierte er wiederum nach hinten. Alles schwarz, bis auf Frau Teens lächelndes Gesicht und die Fußattrappen.
Ein kurzes Aufheulen, und die Zuschauer wussten Bescheid: eine Motorsäge. Jetzt wurde selbige in der Hand des Magiers sichtbar, der hinter der Kiste erschien. Wiederum warf er die Maschine an, und das Sägeblatt fräste durch das Holz, dass die Späne nur so flogen.
Ich saß wie erstarrt. Die Frau. Bewegte den Kopf nicht, lächelte auch nicht mehr. Warte ab, bis Prosperino den Kasten halb aufklappt, sagte ich mir. Vielleicht tut sich dann wieder was in ihren Zügen.
Mittlerweile war die Kiste in der Mitte zerteilt. Doch anstatt nun die beiden Hälften seitlich auseinanderzuklappen, rief Prosperino: „Oh, mein Gott!“, setzte ein bestürztes Gesicht auf, pfiff auf zwei Fingern, und ein kleiner Clown kam und zog in Windeseile den vorderen Truhenteil mit Frau Teens Kopf hinter den Vorhang.
„He, was ist mit der Kleinen los?“ rief ein breitschultriger Typ vor mir lautstark hinauf.
Der Magier schaute herunter und hob und senkte nur schwerfällig die Schultern. Gerade flammte eine Welle aus Empörung und Entsetzen auf, als Frau Teen hinter dem schwarzen Behang hervortrat und an die Seite Prosperinos eilte. Applaus brandete auf.
„Was für ein Glück, Mademoiselle!“ rief der Zauberkünstler und reichte ihr die Schuhe. Und dann wieder: „Meine Damen und Herren – Frau Anika Teen.“
Sie schlüpfte in ihre Pumps und kam die Treppe herunter, getragen von anhaltendem Beifall. Neben mir angelangt, setzte sie sich wortlos auf ihren Platz.
Die nächste Nummer war bereits in vollem Gange, wozu zwei Männer auf der Bühne ein kräftiges Seil gespannt hielten. Ich konnte dem Ganzen nicht folgen, fühlte mich abgelenkt. Wodurch, das konnte ich selbst nicht sagen. Irgendetwas hatte sich verändert. Ich überlegte, ob es daran lag, dass die junge Dame wieder neben mir saß. Wohl kaum, denn das hatte sie ja zu Beginn der Vorstellung auch getan. Vielmehr bemerkte ich, dass die Frau ganz anders dasaß wie zuvor. Völlig verkrampft, vorn übergebeugt. Sie hob ihren Blick, ich sah sie unverwandt an. Tränen in ihren Augen. Obgleich wir uns nicht kannten, zischte ich ihr zu: „Was ist mit Ihnen? Fühlen Sie sich nicht wohl?“
„Doch, doch“, antwortete sie, „ich bin nur fast gestorben… vor lauter Angst.“
„Das glaube ich Ihnen gerne, ich hier unten auch. Aber warum machen Sie denn dann bei so was mit?“
„Pscht“, machte eine Stimme von hinten.
Frau Teen beugte sich zu mir herüber und raunte mir ins Ohr: „Ich hatte zuerst keine Angst, bis die Frage mit der Jungfrau kam.“ Aha, dachte ich, ist also doch keine.
„Solche Mätzchen machen die immer bei ihren Auftritten, ist doch nichts dahinter“, flüsterte ich zurück. „Sie hätten aber auch sagen können: bin keine. Dann hätte sich die Sache ohnehin erledigt.“
„Ja, stimmt“, meinte sie kleinlaut.
Damit war das Gespräch beendet, und ich verfolgte mit geringem Interesse die weiteren Darbietungen.
„… und vergessen Sie nicht: von unserem Zauber bleibt immer etwas zurück. Nicht alles ist nur Illusion“, rief Prosperino ins Auditorium. „Mit diesem Schlusswort wünsche ich Ihnen allen einen unheimlich gelungenen Abend. Auf Wiedersehen!“
Die Leute schoben sich die engen Sitzreihen entlang in Richtung Ausgang. Ich dicht hinter Frau Teen. Immerhin wusste ich bereits ihren Namen… Doch würde ich sie je wieder treffen? Noch während ich mir darüber Gedanken machte, langten wir an der Kasse an, sie drehte sich kurz um, sagte: „Bis dann“ und verschwand im Dunkel der Nacht. Schade. Ich rief mir ein Taxi und fuhr heim.
Vor der Haustür kramte ich in meiner Jackentasche nach dem Wohnungsschlüssel und spürte etwas Glitschiges zwischen meinen Fingern. Ich schrie kurz auf. Ekel überkam mich. Und doch konnte ich nicht loslassen. Ich erkannte nicht, was es war und trat näher an eine Straßenlaterne heran.
Ich hielt einen abgetrennten Zehen in Händen. Erschrocken schleuderte ich ihn auf die Straße. Mein Körper erbebte, ich musste mich spontan übergeben und wischte anschließend meinen Mund am Handrücken sauber.
Ich wusste nicht, was mich dazu trieb, aber ich näherte mich dem Zehen, um ihn nochmals genauer anzusehen. Vielleicht sollte ich ihn behalten, als Beweisstück für die Polizei.
Ich nahm ein Taschentuch in meine Hand und hob so den Zeh auf. Endlich fand ich auch den Schlüssel und betrat meine Wohnung. Ich zitterte noch immer.
Im Sessel sitzend, drehte ich den Zehen unter einer Lampe langsam hin und her. War dort im leblosen Fleisch nicht ganz schwach etwas eingeritzt? Anika.
Hysterisch lief ich zum Wasserhahn und säuberte meine Hände, als litte ich unter einem Waschzwang. Anika Teen? Was hatte das auf sich?
Immer, wenn ich nicht weiterwusste, schaltete ich meinen Computer an und befragte ihn. So fuhr ich ihn auch jetzt hoch und gab dann bei Google Anika ein. Es schien sich aber einzig und allein um einen ganz normalen Mädchennamen zu handeln. Dann gab ich Teen ein. Und fand heraus, dass dies unter anderem ein holländisches Wort war. Die Bedeutung hierfür: Zehen.
Meine Güte, war ich ein Psychopath? Schizophren? Alles Mögliche ging mir durch den Kopf, und ich rief vorsichtshalber nicht bei der Polizei an.
Da klingelte das Telefon. Zögernd hob ich ab, und noch bevor ich Hallo sagen und meinen Namen nennen konnte, schrie jemand am anderen Ende der Leitung. Ich wollte das Telefon zurück auf die Ladestation werfen, als ich unter all dem Gekreische Teen herauszuhören meinte.
„Sind Sie das, Frau Teen?“ fragte ich.
Erst Wimmern, dann: „Ja.“

……

********************************************

Viele Leseproben findet ihr auch HIER auf facebook

Advertisements

4 thoughts on “Lese- & Hörproben

  1. Schön schräg, das mag ich sehr. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen könnte…meine schräge Geschichte heisst ‚Pollenflug‘, sie ist in meinem Blog ziemlich zu Anfang zu finden. Und hier eine kleine Leseprobe: …..Neben mir flattert eine Krähe. Nicht ungewöhnlich, trüge sie nicht eine rote Mütze.
    „Was tust du“, fragt sie. Oh, die Krähe kann sprechen! „Ich fliege“, antworte ich oberschlau und denke, wenn die sprechen kann, kann ich auch fliegen. „Ach, ja?“ Sie schaut mich zweifelnd an. „Und was meint die Schwerkraft dazu, hä?“ Sie dreht ab und macht sich davon, nur eine kleine Feder bleibt zurück, fliegt mir ins Gesicht und kitzelt.
    Die Schwerkraft blickt promt in meine Richtung, als sie ihren Namen hört und teilt mir augenblicklich mit, was sie von der ganzen Sache hält: ich falle.
    60 Meter sind ganz schön hoch, sollte man meinen, Zeit genug, noch einige wichtige Sachen zu erledigen. Weit gefehlt, für diese Höhe ist auch das Vaterunser schon zu lang. Die Zeit reicht gerade aus, zu bemerken, daß das Auto unter mir sehr schnell größer wird, festzustellen, daß sich auf dem Dach ein Dachgepäckträger befindet und auf diesem zwei Fahrräder. Die Kindersitze hätten sie ruhig abmontieren können, wenigstens das, denke ich, das senkt auch den Spritverbrauch, dann schlag ich auf…..

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s